Peter Gallus
 

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Reken, Mein Geburtsort

Als die Truppen des Burgunderkönigs Aetuis das Heer des Hunnenkönigs Attila auf den Katalaunischen Feldern schlugen und damit den Niedergang des Römischen Reiches einläuteten, lag der Sumpf, an dem sich später meine Vorfahren niederließen, noch in tiefer Ruhe.
Auch als der Frankenkönig Karl der Große die Sachsen besiegte, um an einem Tag zweitausend von ihnen hinzurichten, ließen sie sich nicht vernehmen.
Erst als wenige Jahre später die Steuerhöfe durch Karl eingeführt wurden, kamen sie allmählich aus dem Dunkel der Geschichte und gründeten eine Bauergemeinde entlang der "langen Riege", heute Reken genannt.
Ein Sommer in Reken ist von Licht durchflutet. Das Blau des Himmels ist scharf abgegrenzt vom Weiß der Schönwetterwolken und gibt dem Betrachter die Illusion von der Schärfe des eigenen Auges, gleich dem der Bussarde, die in unendlich scheinender Spirale von der Thermik zum Himmel getragen werden.
Die Sonne scheint hier freundlich auf die roten Dächer, deren Ziegel aus der "Lehmkuhle" kommen, wie man die Ziegelei zwischen Bahnhof und Groß Reken nennt. Das Sonnenlicht fällt noch des Abends durch Fenster und Türen, die im tiefroten Licht der Abendsonne stehen, und trennt die Linien zwischen der Hohen Mark, einem weitläufigen Waldgebiet, und den kleineren Ortschaften Reken, Hülsten und Maria Veen, das auf den Rodungen des letzten Jahrhunderts entstand.
Wer hier lebt, trägt das Urvertrauen in sich, das ihm sagt: "Niemand kann dir etwas anhaben, was der Herr nicht gutheißt und kommt ein Gewitter, so stelle dich unter eine Buche. Das Paradies kommt bald zurück."
In dieser Welt tat ich am 17.01.52 meinen ersten Schrei, als mir die Hebamme meiner Mutter, von allen die olle Meu genannt, einen Klaps auf den Hinter versetzte. Sie dürfen unterstellen, dass man mir dies erzählt hat, denn soweit reicht mein Gedächtnis denn nun auch nicht. Ich wurde hineingeboren in eine Familie, in der die Musik zuhause war, in der Akkordeon gespielt und gesungen wurde, meist Harmonien in strahlendem Dur und selten im verhaltenen Moll.
Hier verbrachte ich meine Kinderjahre, zwischen Westfalen, knorrig wie die Eichen auf ihren Höfen, zwischen Knechten und Mägden mit zweifelhafter Vergangenheit, die sich mit Erfolg der Aufgabe widmeten uns Kinder frühzeitig genug aufzuklären; hörte mit offenem Mund die Geschichten: von Pastor Harrier, dem Erfinder der Naturdüngung, von den Räubern in der alten Mergelkuhle, vom verhexten Grafen Grünneckens und dem tollen Bomberg und von den Fliegerangriffen der Alliierten auf "unseren" Bahnhof. Erzählstückchen, die uns damals den Fernsehapparat ersetzten, mit jedem Vortrag besser wurden und die der ersten Reihe an Spannung in nichts nachstanden.
Die selbstbewussten Rekener älteren Baujahres behaupteten, Reken sei größer als Berlin und in der Tat sagten sie damit eine Wahrheit von 1921. Für mich war Reken jedenfalls riesengroß und kaum zu überblicken. Die Schulzeit erweiterte den Radius meiner Entdeckungen um ganze zwei Kilometer.
Wenn man an dem alten Holzplatz vorbeikam, fiel der Blick auf die Kohlehandlung, auf deren Wand mit schwarzer Farbe ein Balken gemalt war. Nur morgens, wenn die Sonne von Osten auf den Balken fällt, erkennt man unter der schwarzen Farbe einen Spruch: "Räder müssen rollen für den Sieg."
Nichts sonst erinnert mehr an jene Zeit, als in Reken die V2 verladen wurde, als die Flak der Wehrmacht im nahen Busch beim "Fuchskämpken" verborgen stand, um die Fliegerangriffe der Alliierten abzuwehren, als die Einheiten der SS in Reken stationiert waren, als der Jude Lebensstein in die USA emigrierte, und als sich seine Frau Berta, eines Nachts, als SA Männer um ihr Haus strolchten und ihr mit dem Spruch "Juda verreckte" existenzielle Angst einflößten, auf dem Dachboden erhängte.
Die Zeiten änderten sich, die Kriegszeit wurde allmählich vergessen, das Radio hielt auch bei uns Einzug und später die Firma Grundig mit unserem ersten Fernsehapparat. Die schönen Geschichten der langen Abende wurden mehr und mehr von kommerziellen Sendeanstalten erzählt. Aus dem elterlichen Anwesen ist ein Reiterhof geworden, und der Blick auf mein schönes Dorf wird von einer dreißig Meter hohen Fabrikhalle versperrt, doch komme ich einmal zufällig durch Reken, dann denke ich wieder an die alten Geschichten und höre die Klänge eines Akkordeons gespielt unter zeitlosen Eichen mit unnachahmlicher Resonanz.