Peter Gallus
 

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Chopin darf nicht sterben
Auf der Terrasse sitzend vernahm ich die verhaltenen Klänge des Opus 69 durch die frische Morgenluft, als die feingliedrigen Finger meines Sohnes über die Diskanttasten des Flügels im Foyer wirbelten. Chopin Abschiedswalzer, die Komposition eines Genies. War dies seine Wiedergeburt? Irritiert hob ich den Kopf, als das fordernde Crescendo der chromatischen Tonleiter jäh von einem Hüsteln unterbrochen wurde. Nicht, dass ich sonderlich besorgt gewesen wäre, aber als Vater habe ich ja nun doch eine gewisse Fürsorgepflicht. Und immerhin, mit einem Husten haben sich schon manche ernsthafte Erkrankungen angemeldet. TBC, Krebs und Lungeninsuffizienz. Aber dies war sicherlich nur ein kleiner Husten. Allerdings, ein leichtes Hustenmittel konnte nicht schaden. „Ich fahre mal eben zur Apotheke“, informierte ich meine mich liebende Gemahlsgattin, ignorierte ihren verwunderten Blick, und saß auch schon in meinem Porsche , bereit meinen Vaterp flichten konsequent nachzukommen. Bereits drei Stunden später, nach sorgfältiger Beratung mit dem Apotheker verließ ich das Haus der Pillen mit einem kleinen Vorrat an Hausmitteln; Drei Kilo Kamille, 10 Flaschen Bronchicum, fünf Flaschen Bronchostop, 1 Liter Olbas-tropfen. Eine beruhigende Batterie an Abwehrgeschützen. Allerdings meldeten sich auf dem Nachhauseweg die ersten Zweifel. Würde es auch reichen um dem Krupp Einhalt zu gebieten? Man konnte es ja nie wissen. Bei einem Bauerhof, der auf dem Weg lag, sah ich Gänse die dort friedlich schnatternd weideten und hatte die erleuchtende Idee.
Am frühen Abend fuhr ich dann, nicht ohne Stolz, vor unserem Haus vor, 15 aufgeregt schnatternde Gänse im Fond des Wagens. Meine Frau, in der Türe stehend, wo sie mich sicherlich schon fiebernd erwartet hatte, starrte mir verständnislos entgegen, mit dem Finger fragend auf die Gänse zeigend. „Gänseschmalz“, klärte ich sie auf, „Gänseschmalz auf die Brust gerieben löst den Husten.“ Frauen haben eben von Medizin keine Ahnung.
Wir machten uns sogleich daran, dem Knaben die diversen Mittel zu verabreichen, und das Gänseschmalz zu gewinnen, was diese stupiden Tiere nur unter Androhung roher Gewalt akzeptieren wollten. Zwischendurch sah ich nach den Patienten, der, eingepackt in Tüchern, die Quarkwickel um den Hals und abwechseln Kamille und Olbas inhalierend, blass und zitternd auf dem Klavierhocker saß. Hatte er nicht soeben wieder gehüstelt? Trotz dieser intensiven Therapie? Und war nicht auch Chopin an einer Lungenkrankheit gestorben? Ein Genie dahingerafft, durch Nachlässigkeit seiner Erzeuger. Kaltes Entsetzen packte mich. Kurz entschlossen ergriff ich den Knaben, setzte ihn in den Porsche und raste entschlossen zum Dominikushospital. Die Fahrt muss mein Konto in Flensburg so um die 50Punkte bereichert haben, aber was sind 50Punkte gegen das Leben eines Pianisten. Um 19:00 berat ich die Empfangshalle, den Knaben am linken Arm, die goldene American Express Karte in der Rechten. Um 19:30 war ich Besitzer dieser renommierten Klinik. Nie wieder sollte der Welt ein Genie durch Nachlässigkeit verloren gehen.
Copyright by Peter Gallus 12.12.2003

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