Peter Gallus
 

Willkommen bei Peter Gallus

Gewitter im Brook
Am Morgen nach einem langen Doppelkopfabend erwachte ich, als mir die sanfte Sonne durch das Ostfenster ins Gesicht schien. Ich blinzelte. Von der Straße her hörte ich eisenbeschlagene Pferdehufe im rhythmischen Staccato auf den Asphalt klopfen, jenes Klock, Klock, Klock, das wir häufig mit der Zunge nachschnalzten und das von dem Zugpferd des Milchwagens herrührte, vom Milchbauern gelenkt.
Der Hufschlag verstummte, als der Wagen hielt und Vogelgezwitscher drang jetzt vom Garten herauf. Ich öffnete das Fenster und ließ frische Mailuft herein, die einen schönen Tag versprach. "Botter, Bottermelk, Käse" hörte ich den Milchbauern Winzen rufen, der wie jeden Morgen die Milch am Straßenrand abholte und im Gegenzug Butter, Buttermilch und Käse lieferte. In das Klappern der Milchkannen mischte sich das Schimpfen der Spatzen, das Gocken eines Fasans, der auf der Wiese nach seiner Henne rief und das gleichmäßige Takten der Pulsatoren unserer Melkmaschine, welche die Saugnäpfe an den Zitzen der Milchkühe dirigierte.
Heute war der große Tag. Heute würden wir das Vieh zum Brook treiben und das erste Gras mähen für die Heuernte. Als Brook bezeichnete man eine, im vorigen Jahrhundert kultivierte Moorlandschaft in der Nähe des Waldgebietes "Hohe Mark" in der wir elf Morgen Weideland besaßen. Dorthin sollte es heute gehen.
Ich zog mich eilig an und eilte über den Kornspieker auf die Tenne. Auf der Tenne roch es wunderbar nach frischgekochten Schweinekartoffeln, der Ausdünstung der Rinder und frisch geschnittenen Rüben. Als ich in den Stall kam sah ich, dass mein Bruder Hans bereits dabei war die Melkmaschine zu demontieren, denn die würde den Sommer über im Brook ihren Dienst tun.
"Wie siehst du denn aus" , fragte mein Bruder.
"Wieso?"
"So als wärst du aus dem Bett gefallen."
"Ich will mit in den Brook."
"Steck das Hemd in die Hose, und wasch und kämm Dich."
"Ja, ja, mach ich, aber nach dem Frühstück." Damit lief ich in die Küche wo meine Schwester Maria und Mama geschäftig die Speisen des Tages vorbereiteten.
Mein Vater saß mit krauser Stirn am Küchentisch über der Wetterkarte der Borkener Zeitung und mir schien, er sei missmutig wegen der Linien und Eintragungen auf dieser Karte. Ich stellte mich wortlos neben ihn und wartete was er zu dem soeben Gelesenen sagen würde. Er aber drehte sich zu mir und tadelte: "Was sagt der Esel wenn er in die Mühle kommt?" Ich glaube, ich wurde rot und beeilte mich zu sagen:
"Guten Morgen, Papa."
"Hm, und Deine Mutter?"
"Guten Morgen, Mama", besserte ich nach und fügte noch schnell hinzu: "Guten Morgen, Maria."
Meine Mutter schmunzelte: "Guten Morgen Bernd. Du büst mih sonne Herrgott." Das sagte sie immer wenn jemand sich einen Lapsus erlaubt hatte, doch der Tonfall, verbunden mit dem plattdeutschen Dialekt milderte den Tadel.
Mein Vater wandte sich nun wieder seine Wetterkarte zu. Er schien der Zeitung nicht zu trauen und befragte deshalb auch das Barometer, das neben ihm an der Wand hing. Die Scheibe vor den Zeigern war etwas beschlagen und er zog die Nase ein wenig kraus um so den Leseteil seiner Brille in eine etwas günstigere Position zu schieben.
Das Barometer war eines jener billigen Dinger die dem wahren Luftdruck immer um einen halben Tag hinterhereilen aber mein Vater schien um die innere Reibung der Druckluftmessdose zu wissen, er klopfte an die dünne Scheibe des Barometers als wenn er sagen wollte "wach auf" und der Zeiger bewegte sich mit einem Ruck auf der vorherrschenden Luftdruck von 920mbar. Vaters Stirn legte sich wieder in nachdenkliche Falten. Ich wollte gerade nach dem Grund fragen, doch meine Mutter kam dazwischen: "Bernd, die Morgentoilette." Immer das gleiche leidige Thema. "Ich wasch mich nach dem Frühstück", warf ich ein, in der Hoffnung sie würde das Thema bis dahin vergessen haben, sie jedoch blieb eisern, "gewaschen wird vor dem Frühstück", und zu allem Überfluss kam auch noch die Bemerkung meiner Schwester: "Ins Bad, Bubi." Ich gab mich geschlagen und ging widerstrebend in unser Badzimmer. Hier zelebrierte ich eine ausgedehnte Waschung. Ich drehte den Wasserhahn bis zum Anschlag auf, benetzte einen Finger der Rechten mit Wasser und rieb mir die Schlafkörner aus den Augen. Dann stellte ich mich auf den geschlossenen Deckel des Toilettentopfes und sah zum Fenster hinaus auf unser Fasanengehege. Die Henne saß brütend auf ihren Nest. Ich wusste durch sorgfältige Nachforschungen, dass sie zwei Eier bebrütete. In einigen Tagen mussten sie schlüpfen. Der Wasserhahn lief immer noch, ich schloss ihn nun geschwind und die Wassersäule knallte in der Leitung. Mein Blick glitt noch einmal nach draußen, hinüber nach Schloss Pippi, wie wir das Holzhaus unserer Nachbarn von Äckern 16 nannten. Über Schloss Pippi lag eine riesige Wolke. War das der Grund für die gerunzelte Stirn meines Vaters? Ein Klopfen an der Türe schreckte mich aus meinen Überlegungen: "Was wäscht du eigentlich alles?", wollte die Stimme meiner Mutter wissen.
"Bin schon fertig", entgegnete ich und beendete die Waschung mit einem Bürstenstrich durch die Haare.
Nach dem Frühstück brach Hans mit dem Vieh auf, das willig den Weg Richtung Osten einschlug. Er selbst fuhr mit dem Traktor hinterher. Mein Vater und ich folgten ihm eine Stunde später, denn mit dem Vieh brauchte er diesen Vorsprung.
Ich saß dann neben meinem Vater auf dem Kutschbock unseres Dokkas, einer einachsigen Kutsche die einspännig gefahren wurde. Neben mir stand ein Weidenkorb, abgedeckt mit einem Leinentuch dessen rote Karomuster einladend anmuteten und eine kleine Milchkanne mit hausgemachter Limonade aus Johannisbeeren, Himbeeren, Wasser und viel Zucker. Hinter uns, im Dokkart stand die Melkmaschine.
Der Weg führte uns über die Asphaltstraße, deren Decke zahlreiche Eindrücke von den Stollen der Pferdehufeisen zeigte, nach Hülsten, einer zu Reken gehörigen Bauernschaft.
Vorbei ging es an den Bauerhöfen Büning, Benning, Kattenpoll, Grimme und schließlich Jeusfeld, dem letzten Hof vor dem Brook. Hinter diesem Hof erstreckte sich ein grader Sandweg von etwa zwei Kilometern Länge. Diese Strecke zu fahren machte meinem Vater besondere Freude und wissend was passieren würde stellte ich mich auf dem Trittbrett des Kutschbockes hin, umfangen von den Armen meines Vaters der in den Händen Zügel und Peitsche hielt. Denn hier, nur auf dieser Stecke pflegte mein Vater dem Hengst die Peitsche zu geben. Der fiel sogleich in gestreckten Galopp das ich zurückgeworfen wurde und an meinen Vater lehnte. Ich hielt mich nun an der Stange des Kutschbockes fest und rief: Heja, heja, schneller, schneller", und als ich hinter mich sah, erkannte ich eine Staubwolke wie sie eine Postkutsche von Well Fargo in der Wüste nicht besser hätte erzeugen können.
Minuten später waren wir bei unserem Weideland. Hans war mit dem Vieh bereits dort und kam an die Kutsche um die Melkmaschine abzuladen.
Während Hans die Melkmaschine aufbaute, mähte mein Vater bereits den ersten Schnitt in der vorderen Wiese mit ihrem fetten Gras und den Dotterblumen.
Ich sah meinem Bruder beim Reinigen der Pulsatoren der Melkmaschine zu, half ihm die Maschine in die Melkhütte zu tragen und stellte die Milchkannen neben die Kühlung. Später lief ich zu dem nahen Boombach um ein Bad in dem kristallklaren Wasser zu nehmen, denn es war bereits recht heiß an diesem Tag. Heute gab es etwas Besonderes am Bach. Ein Schlangenfänger saß am Ufer, einen Korb mit Kreuzottern neben sich und ließ seine Beine im Wasser baumeln. Aber was es damit auf sich hatte, erzähle ich ein anderes Mal.
Gegen Mittag trafen wir uns wieder an der Melkhütte und aßen das Festmenü aus dem Korb den Mama uns mitgegeben hatte und tranken von der Limonade.
An meinem Unterarm krabbelten kleine schwarze Würmchen. "Gewitterwürmchen", sagte mein Vater auf meine Frage, "sie kommen immer wenn es schwül ist und oft gibt es hernach ein Gewitter."
Er sah zu Hans hinüber: "Wih mött maken."
Der Nachmittag verging schnell. Der Rest des Grases wurde gemäht, Zäune repariert und das frische Gras zu ersten mal gewendet.
Am späteren Nachmittag änderte sich das Wetter. Der Wind hatte bereits am Mittag gedreht, er kam jetzt nicht mehr aus dem Osten sondern aus dem Westen was einen Wetterumschwung verriet. Die Cumuluswolke über der hohen Mark war verschwunden. Statt dessen war eine Vielzahl kleinerer Wölkchen sichtbar. "Sühst du Schööpkes, kommt bold Dröpkes", kommentierte mein Vater diese Entwicklung.
Er beschloss aufzubrechen. Hans blieb zurück um die Kühe noch zu melken.
Wir saßen waren gerade mal fünf Minuten unterwegs als sich der Himmel verdüsterte.
"Da braut sich mehr zusammen als ich gedacht habe" sagte mein Vater und gab dem Traberhengst vor unserer Kutsche die Peitsche, um ihn anzutreiben. Es wurde beängstigend dunkel, die Gewitterwolke am Himmel kam drohend näher und Zirren hingen wie eine riesige Gardine am Horizont und kündigten den baldigen Regen. Ein Blitz zerriss jäh die graue Wolkendecke, und der unmittelbar folgende Donner sagte uns, dass der Zyklone uns eingeholt hatte. Ein weiterer Peitschenhieb ließ den Hengst in vollen Galopp fallen, ein Ruck ging durch die Kutsche und der Schweif des Tieres flatterte vor unseren Gesichtern. Unter der kurzhaarigen Decke des Tieres arbeiteten die gewaltigen Muskeln seiner Hinterhand in gleichmäßigen Kontraktionen, und seine Hufe ließen den Sand nach hinten stieben. Rechts wie links rasten die Wiesen mit noch immer ruhig grasenden Rinderherden an uns vorbei. Gerade noch rechtzeitig erreichten wir Jeusfelds Scheune in die wir mit dem ganzen Gespann einfuhren. Dies war ein Augenblick der Erleich terung denn ich hatte eine scheiß Angst.
Die ersten Tropfen fielen nun auf die dampfenden Leiber der Weidetiere. Und wenig später standen die Rinder, ihrem Instinkt gehorchend, mit den Häuptern zu der prasselnden Regenfront, ergeben das Unwetter abwartend, mit einer seit Äonen von Generationen erlernten Gelassenheit, nicht wissend, dass der Fellstrich dieses Verhalten erzeugte.
Der Himmel entleerte sich in einer von mir nie erlebten Gewaltigkeit und selbst Gewitterstürme die ich später in den Tropen erlebte haben mir nicht eine solche Angst einjagen können.
Bubi, der Hengst stand mit gesenkten Haupt in gleicher Richtung wie die Kühe und fraß aus dem Hafereimer den mein Vater ihm zu Beruhigung hingestellt hatte und ließ das Unwetter mit der gleichen Gelassenheit wie die Rinder über sich ergehen. Als der Blitz jedoch direkt neben der Scheune in eine Eiche schlug, stieg er jäh, mit rollenden Augen auf und die Kutsche schlug krachend neben die Scheunenwand.
Mein Vater griff nach der Trense und zog das Pferd herunter und warf ihm seine Jacke über die Augen. Nun öffnete der Regengott noch einmal die Schleusen des Himmels bald tropfte es durch die mit Strohdocken abgedichteten Rundpfannen und als ich einem Blick durch die offene Scheunentüre warf bekam ich einen Schwall Regen aus der Dachrinne ab.
Wir zählten nun die Abstände zwischen den einschlagenden Blitzen und dem darauffolgenden Donner und merkten, dass das Gewitter sich entfernte.
Wohl an die zwanzig Minuten standen wir in der Scheune, als der Regen unvermittelt aufhörte.
Hier und da zuckte noch ein Blitz über den verhangenen Himmel, und wurde mit leisem Grummeln beantwortet. Mein Vater zog das Gespann ins Freie, und weiter ging die Fahrt, durch die Weiden und Felder, immer parallel zur Hohen Mark, wo das Wetterleuchten einen riesigen Regenbogen entstehen ließ, der in dem süßnassen Sonnenlicht badete und die Luft roch frisch wie am Schöpfungstag.
Erst jetzt bemerkte ich meine durchnässte Kleidung und fror. Mein Vater legte sein Jacke um mein Schultern. Er selbst saß im Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln auf dem Kutschbock.
Zu Hause wurden wir bereits mit Unruhe erwartet. Meine
Mutter erwartete uns in der Haustüre stehen: "Junge, Du bist ja durch nass",
"Macht nichts", entgegnete ich, "es riecht nach ...was gibt es zu essen?"
"Es gibt Reibeplätzchen in Schmalz gebacken und Rübenkraut" sagte meine Mutter und ich eilte in die Küche wo Oma an dem alten Eisenofen stand und backte.
Ich nahm sechs der Reibekuchen auf meinen Emailleteller, bestrich sie mit Rüberkraut und mit dem ersten Bissen war alles vergessen, das Gewitter, die Angst und mein nasse Hose.

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