Peter Gallus
 

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Köfte in Diyarbakir oder "Ich hab´s ja gleich gesagt."
Es war am dritten Tag unserer Reise durch das wilde Kurdistan, als ich nach dem Besuch in Mehmets Restaurant und dem reichlichen Genuss von Frikadellen, dortzulande "Köfte" genannt, ein gewissen Drängen verspürte, was mich in kategorischem Zwang zu der Toilette unseres Viersternehotels befahl.
"Köfte", sagte meine mich liebende Lebensgefährtin, nachdem ich dort mehrere Stunden zugebracht hatte. Es lag ein gewisser Dogmatismus in ihrer Stimme der meinen Widerspruch erregte.
Doch immerhin machte Christiane sich auf, um diverse Mittel zu besorgen. In der Zwischenzeit schweifte mein Blick von Klo im dritten Stock weit über das Tigristal, wo schon Abraham seine Herden weidete.
Es dauerte nicht lange und Christiane war zurück. Ihr besorgter Blick tat mir gut. Diese rührenden Augen, die nachdenklich gerunzelte Stirn; nein, es war überzeugend gelebte Empathie und in ihrer Hand hielt sie ein Arsenal von Pharmazeutischen Erzeugnissen, als da waren Immodium, Perenterol, Elektrolyte und Holzkohle.
Ich nahm die Mittel genau in der Reihenfolge und musste an die Küken auf dem elterlichen Bauernhof denken die doch bei ähnlichen Beschwerden ebenfalls Holzkohle zu picken bekamen. Diese armen Kreaturen.
Indes, die Beschwerden verschwanden nicht. In der Nacht bewegte ich mich zwischen Klotopf und Waschbecken, mal mit dem Hintern über der hinteren Schüssel, mal mit dem Kopf über der vorderen Schüssel, um vermittels einer Relativbewegung von zehn Zentimeter Verschmutzungen des Raumes zu vermeiden.
"Es waren die Köfte", sagte meine Lebensgefährten erneut und versuchte eine sachkundige Miene aufzusetzen, was ihr gelang, wie ich neidvoll anerkennen musste. Diese verdammten Frikadellen. Vor Dreihundert Jahren hätte ich für so eine Leistung mindestens jeden zehnten Koch in diesem hinteranatolischen Nest füsilieren lassen, aber unsere heutige Gesellschaft ist ja total verweichlicht, dass sie solche Maßnahmen als "nach Gutsherrenart" verpönt.
"Christiane", stöhnte ich verzweifelt, "hol den Hekim. Es müssen Viren sein. Wahrscheinlich Retroviren. Hat nicht im vorigen Jahr dieser Amerikaner, dieser Professor Benting oder Banting den Nobelpreis für die Entdeckung dieser Biester bekommen?"
"Banting? War das nicht der mit dem Insulin?"
So ist sie, meine bessere Hälfte. Sie weiß einfach alles besser.
"Mir egal", sagte ich, "jedenfalls hat er etwas entdeckt und mir geht es sauübel."
Der Einfachheit halber blieb ich über Nacht in dem sorgfältig gefliesten Raum mit den kunstfertig angelegten Marmorintarsien.
Als ich mich am Morgen von der Schüssel erhob, stieß ich mit dem Kopf so nebenbei an den Hängeschrank und spürte einen süßlichen Geschmack auf der Zunge. Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Hatte ich mir nicht gestern den Kopf an der Lampe gestoßen, was bei den beengten Verhältnissen unseres Etablissements auch kein Wunder war. Das war des Rätsels Lösung. Ich hatte mir bei dem Stoß an der Lampe ein Commotio cerebri zugezogen, das mit den typischen Symptomen, Erbrechen, Bewusstlosigkeit, Erinnerungslücken und Hirntrauma einhergeht. Die Erinnerungslücken, die Bewusstlosigkeit und das Trauma fehlten zwar noch, konnten jedoch noch kommen. Eine Gehirnerschütterung also. Es kam also gar nicht von den Frikadellen. Noch in der gleichen Minute sprach ich den Koch des Restaurants frei. Ich überlegte sogar, ob ich persönlich hinuntereilen und ihm die frohe Botschaft überbringen sollte.
Mein Entscheidungsprozess darüber war jedoch noch nicht abgeschlossen, als mich ein Würgen zu den sanitären Einrichtungen zurück eilen ließ.
Bei der ersten, der eben beschriebenen Relativbewegungen ertönte vom nahe gelegenen Minarett der Ulu Camii Mosche der Ruf des Muezzin "Hüaüaüaüa .. hackball."
Moment, der hatte doch Hackball gesagt, und wie qualvoll er das ausgerufen hatte, oder? Hatte der etwa ich im gleichen Restaurant gegessen? Womöglich auch Frikadellen?....
Ich sah zu meiner Lebensgefährtin hinüber: "Ich hab´s ja gleich gesagt", stand in deren Gesichtszügen deutlich zu lesen.
Morgen werde ich den Koch füsilieren lassen.
Copyright by Peter Gallus 08.08.2004

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