Peter Gallus
 

Willkommen bei Peter Gallus

Krebsvorsorge
Es war am dritten Tag meiner Arbeitslosigkeit, als mich verschiedene unspezifische Beschwerden in eine Arztpraxis trieben.
"Hoffentlich nimmt er Ultraschall und nicht den Finger", sagte ich zu meiner Gemahlsgattin, als sie mich vor der urologischen Praxis aussteigen ließ, "eigentlich würde ich mich lieber von einer Frau untersuchen lassen."
"Glaubst Du neuerdings, dass Frauen die intelligenteren Ärzte sind?", fragte meine mich liebende Gemahlsgattin und runzelte die Stirn.
"Gott bewahre. Aber sie haben dünnere Finger."
Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange: "Nur Mut, es muss halt sein."
Minuten später stand ich an der Rezeption der Praxis und legte meine Versicherungskarte vor. Die Helferin wusste mich offenbar sofort einzuordnen, griff in das Hängeregal hinter sich und brachte eine Akte hervor: "Sie können schon durchgehen", bedeutete sie mir und legte die Akte auf die Theke. Dort standen einige Gläser die offenbar verschiedene Flüssigkeiten enthielten. Mal honiggelb, mal dunkel wie Altbier.
"Theo Knippendorn" stand mit grober Schrift auf einem der Gläser. Na ja, jedenfalls kann man gegen seine Stimme nichts sagen. Theo singt nämlich in unserem Männerchor im zweiten Bass, und das bis zum A in der Kontra Oktav.
Der also auch, dachte ich, man könnte eine Selbsthilfegruppe gründen.
Ich stellte mein Glas neben das von Theo, allerdings drehte ich das Namensschild diskret nach hinten. Dann setzte ich mich in das Wartezimmer und griff zu einem Journal. Ich glaube es hieß "Medizin heute", und enthielt einen Artikel über die Beschwerden des varikösen Syndroms dem ich mich sofort widmete. Aber es dauerte nicht lange bis ich aufgerufen wurde.
Auf dem Flur begegnete mir Theo. Er ging etwas breitbeinig. Als er mich sah hielt er den Zeigefinger hoch: "Schauderhafte Prozedur, du auch?"
"Hm, wie war es?"
"Lustgefühle entstehen keine."
"Dann bis heute Abend."
Der Mann im weißen Kittel empfing mich mit freundschaftlichem Händedruck: "Ihr Problem?"
"Nur die Vorsorge", gab ich Auskunft und sah auf seine wulstigen Finger. Wäre der nicht besser Metzger geworden?
Er nahm meine Akte. "Die letzte Vorsorge war 99", stellte er fest und zog die Augenbrauen hoch.
"Nein, sie war im vorigen Jahr"
"Seit dem vorigen Jahr bekommen sie Viagra. Sind sie zufrieden mit der Therapie?"
"Viagra, Therapie, was meinen sie?"
"Sie können ganz ungezwungen reden. Schließlich sind wir unter uns. Ich will doch nur wissen, ob er wieder, eh, ich meine ob ihre erektilen Beschwerden behoben sind."
"Herr Doktor, sie haben das falsche Patientenblatt."
Er zog die Augenbrauen hoch: "Heißen sie nicht Luke?"
"Nein, Lüke", ich buchstabierte, "einfach L. Ü. K. E."
"Vorname?"
"Bernhard."
Er griff zum Telefon und drückte die Sprechtaste. "Die Karte von Herrn Lüke bitte. Lüke mit Ü. Es klang unwirsch.
Man brachte ihm das richtige Patientenblatt, er ging mit dem Wulstfinger über die Eintragungen und er rief sich meine Krankengeschichte wieder ins Gedächtnis.
"Ach ja, der Fall. Entzündung in der Harnröhre."
"Hm."
"Sie sind beschwerdefrei?"
"Ja, eigentlich schon."
"Es kommt durch die Krümmung. Sehen Sie", er ballte die Faust, streckte den Zeigefinger vor und krümmte ihn dann mit der Linken, "eine vollkommen unnatürliche Haltung." Er wies mit dem Zeigefinger der Linken auf die Krümmung seines rechten Zeigefingers, "hier entsteht das Problem. Wenn er grade wäre..." Ich unterbrach ihn: "Aber Herr Doktor, er kann doch nicht ständig grade sein."
"Früher war er grade, ständig, als wir noch auf allen Vieren gingen" , er drehte die Faust mit dem gekrümmten Zeigefinger, so dass der Finger nach unten zeigte. Dabei streckte er den Zeigefinger, "Sehen sie, er war grade und es gab kein Problem. Erst als wir uns aufrichteten, damals, vor fünf Millionen Jahren, da entstand das Problem."
Er drehte die Faust wieder und der wulstige Zeigefinger nahm wieder die gekrümmte Haltung ein.
"Die Evolution hat ihren Preis gehabt", bemerkte er dann und bohrte mit der Wurstfinger in der Nase.
"In der Tat."
"Kennen Sie ihren PSA – Wert?"
"Meinen was?"
"PSA, Prostaspezifisches Antigen."
"Ich habe gar nicht gewusst, dass ich so etwas habe."
"Haben sie auch nicht, haben sie auch nicht" beeilte er sich zu beschwichtigen, wobei er mit dem Finger eine verneinende Geste machte, "ich meine, solange sie gesund sind. Und das werden Sie auch bleiben. Ich biete Ihnen eine urologische Rundumvorsorge und Beratung an. Kostet hundertdreißig Euro."
"Moment, ich bin doch versichert."
"Das zahlt die Krankenkasse nicht. Um Ihre Gesundheit müssen Sie sich schon selbst kümmern." Er legte mir einen Zettel vor auf den einige medizinische Fachausdrücke standen, "Sie müssen hier unterschreiben", wies er mit dem Finger, "mit der Beratung können wir sofort beginnen."
Ich unterschrieb den Wisch, denn meine Gesundheit ist mir nun doch zu wichtig. Zum Teufel mit den hundertdreißig Euro.
Der Weißkittel steckte den Wisch befriedigt in mein Patientenblatt und begann übergangslos mit der Beratung
"Die Prostata ist ein Organ von Kastaniengröße das die Harnröhre umschließt. Sie hat verschiedene Funktionen von denen man in der Jugend regen Gebrauch macht, im Alter etwas weniger." Er sah mich fragend an.
"Ist mir schon aufgefallen", beeilte ich mich zu sagen und senkte den Blick.
Er nickte befriedigt: "Dachte ich mir. Um sie gesund zu erhalten, sollten sie kein fettes Fleisch, vor allem kein Schweinefleisch zu sich nehmen und kein Hackfleisch, denn das regt die Bildung von karzinogen Zellen an. Kein Alkohol, keine Zigaretten und," er hob warnend den Zeigefinger, "keinen Kaffee. Die Röststoffe im Kaffee führen zu Irritationen des Blasen und Nierensystems. Kaffee reizt die Blase...."
Den Rest bekam ich leider, oder Gott sei Dank nicht mit, denn ich war eingeschlafen.
Mein Schnarchen muss seinen Redefluss unterbrochen haben, denn plötzlich wurde ich durch seine energische Stimme geweckt: "Herr Lüke, Herr Lüüüüke..."
"Ja, hier."
"Sie scheinen müde zu sein und Sie schnarchen."
"Oh, Pardon, allerdings fand ich Ihre Ausführungen äußerst interessant."
"Eine Störung des vegetativen Nervensystem, womöglich auch eine Dystonie des Gaumensegels."
Na, wenn der gewusste hätte wie spät es am Vorabend gewesen war, hätte er sich den ganzen lateinischen Quatsch gespart. "Kater", hätte die Diagnose ganz profan gelautet. Aber das behielt ich für mich und fragte statt dessen:
"Können Sie mir etwas dagegen verschreiben?"
"Ich bin Urologe, kein Neurologe", antwortete er und komplimentierte mich hinaus, wofür ich dankbar war, denn er hatte die Untersuchung mit dem Finger vergessen. So ging ich frohgelaunt ins Wartezimmer und hatte bereits meinen Mantel in der Hand, als das Schicksal mich ereilte: "Herr Lüke, pardon, die Vorsorge. Dazu sind Sie doch hier."
"Ach ja, richtig, hatte ich ganz vergessen."
Zehn Minuten später befand ich mich auf der Straße und ging so breitbeinig wie vorhin Theo. Mein Weg führte mich zum Extramarkt um zu frühstücken, denn ich war noch nüchtern.
Auf dem Weg dorthin begegneten mir zwei Beauftragte des Institutes Noelle Neumann, mit Schreibbrettchen und Fragebogen in den Hand. Sie stellten sich artig vor und baten mich, einige Fragen zu beantworten.
"Ich stehe Ihnen uneingeschränkt zur Verfügung", gab ich Auskunft, schließlich weiß ich als Arbeitsloser, was ich meinem Land schuldig bin
"Glauben sie, das die jetzige Regierung die wirtschaftlichen Probleme lösen kann?"
"Welche Regierung?"
"Wir stellen die Frage anders. Was halten sie von der Gesundheitsreform?"
"Die Gesundheitsreform wird an dem Problem nichts ändern. Der entscheidende Fehler passierte vor fünf Millionen Jahren."
"Sie meinen?
"Richtig, als wir uns aufrichteten. Es kommt durch die Krümmung. Sehen Sie", ich ballte die Faust, streckte den Zeigefinger vor und krümmte ihn dann mit der Linken, "eine vollkommen unnatürliche Haltung." Ich wies mit dem Zeigefinger der Linken auf die Krümmung meines Zeigefingers: "Hier entstand das Problem. Wenn er grade wäre..." Ich blickte auf und sah in erstaunte Gesichter: "Sie scheinen nicht zu verstehen. Also das finde ich unerhört, dass man junge Leute ohne entsprechende Lebenserfahrung für solch delikate Umfragen anheuert. Unerhört."
Damit ließ ich die beiden stehen.
Minuten später betrat ich das Cafe im Extramarkt: "Ich hätte gern ein Frühstück."
"Wie immer?", fragte der Bäckermeister, er ist in meinem Alter.
"Nein, kein Kaffee. Kaffee reizt die Blase und das alles. Lieber grünen Tee. Aber nur eine kleine Tasse. Wer weiß was da drin ist."
"Sehr gern. Und ihre Brötchen? Die doch sicherlich wie immer? Eins mit geschnittenen Schweinbraten, eins mit Hack?"
"Nein danke, kein Schweinefleisch, nicht gut für die Prostata und Hack erst recht nicht. Da bilden sich karzi, karzi, ach, Sie wissen schon, solche Dingsda."
"Ach Gott, ich höre schon wo sie waren."
"Woher wollen Sie wissen wo ich war?"
"Kein Hack, kein Schweinebraten kein Kaffee", lachte der Bäcker und ballte die Faust, den gekrümmten Zeigefinger nach unten zeigend, "Als wir noch auf allen Vieren gingen hatten wir das Problem nicht."
"Sie auch?"
"Ich habe das Problem gelöst?"
"Sagen sie bloß. Ich bin ganz Ohr?"
"Ich habe eine Urologin gefunden. Eine mit ganz dünnen Fingern. Und mein PSA – Wert ist auch okay."
Ich sah den Stolz in seinen Augen funkeln. Wäre er Millionär gewesen, Porsche, selbst Mercedesfahrer, ich hätte ihn weit weniger beneidet als jetzt.
Was gäbe ich für eine Urologin mit ganz dünnen Fingern.
Copyright by Peter Gallus 12.12.2003

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