Peter Gallus
 

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Mein erster Keiler
Georg hielt den Wagen vor dem Waldstück. Ich schloss meine Jacke, griff zu der Büchse, die hinter mir im Fond lag und stieg aus: "Waidmannsheil", hörte ich Georgs Stimme und sah wie er schon den Gang einlegte.
"Das kannst du laut sagen", entgegnete ich, "schönen Abend noch. Grüß Adele. Wenn ich ihn kriege, komme ich noch rein, sonst......" Ich zuckte die Schultern. Dann war der Wagen weg. Zum achten mal saß ich in diesem Winter auf einen Keiler an, den Georg mir freigegeben hatte. Aber das Jagdglück war mir nicht gewogen. Mal war der Keiler zu weit weg, mal konnte ich ihn nicht ansprechen, mal war es zu hell und er blieb im Wald, immer so, dass ich sein Grunzen hörte, mal war es zu dunkel, dass die Lichtung vor mir ein Bild bot, das mich an boxende Neger im Tunnel erinnerte. Jägers Kunst ist oft umsunst sagte ich mir, doch heute war ich sicher ihn zu kriegen. Der Keiler war wieder an der Kirrung gewesen und hatte sie leer gefressen. Er würde kommen und ich würde die Wette mit Georg gewinnen. Ganz bestimmt.
Ich nahm den Ansitz gegenüber dem Munitionsdepot, eine Schlafkanzel mit alten Teppichen ausgekleidet, so wie Georg gesagt hatte und machte es mir oben bequem, denn ich rechnete mit mehreren Stunden Wartezeit. Achtzig Meter vor mir lag die Kirrung.
Der Klotz, der auf dem Mais lag, war klar zu erkennen, denn der Mond schien. Die umstehenden Bäume, die sich leise im Wind bewegten, warfen gespenstige Schatten auf die Lichtung.
Ich saß eine ganze Weile, bevor ich das erste Lebewesen vernahm. Eine Ringeltaube gurrte irgendwo im Geäst und gleich darauf stäubte der Neuschnee an der Stelle von den schwer behangenen Tannenzweigen. Es war kühl, aber nicht kalt, gerade noch zum Wohlfühlen.
Eingepackt in den Loden, den Steiner Comander um den Nacken, den Repetierer in der Armbeuge, griff ich zu meinem Flachmann, der Obstler rann mir wohltuend durch die Kehle und wärmte mich wie der Blick in die Augen meiner ersten Liebe.
Ich suchte die Lichtung mit dem Glas ab. Am Waldsaum stand ein Bock und äugte zu mir hinüber. Wohl fünf Minuten lang. Dann kam er näher, als wüsste er, dass seine Jagdzeit zu Ende war und äste genüsslich an einigen Setzlingen, keine zwanzig Meter von meinen Ansitz.
Ich suchte wieder mit dem Glas. Ein Fuchs schnürte auf der anderen Seite der Lichtung durch den Neuschnee, sonst nichts.
Plötzlich hörte ich den Bock vor meinem Ansitz schrecken, kurz und trocken wie ein Raucherhusten und gleich darauf noch einmal. Dann wenige elegante Sprünge und ich sah seinen nierenförmigen Spiegel im Wald verschwinden.
Der Keiler war in der Nähe und ich meinte ihn zu riechen, oder war das Einbildung? Aber immerhin, kann ich ihn riechen, so wittert er mich nicht.
Es war inzwischen dunkler geworden und der Steiner Comander, ich verwende dieses Glas, weil es mir beim Segeln treue Dienste geleistet hat, sammelte gerade noch genügend Licht ein, um ein Tier ansprechen zu können.
Auf einmal wieselten ein paar Frischlinge quiekend über die Lichtung, doch von dem Keiler keine Spur, so sehr ich meine Augen auch anstrengte.
Ich beobachtete die Lichtung nun unablässig. Schließlich hatte der Heilige Hubertus ein Einsehen. Mein Keiler kam. Zunächst hörte ich sein Grunzen das sich zu dem Quieken der Frischlinge gesellte. Dann erschien etwas am Waldsaum, nicht weit von der Kirrung. Aber war es ein Keiler? Ich suchte nach seinem Geschlechtsmerkmal konnte es aber nicht erkennen.
Wenn er jetzt zur Kirrung läuft und ich nur einen kurzen Augenblick seinen Pinsel sehe, dann Paaf.
Ich brachte den Repetierer in Schussposition und zog den Stecher. Nur ein leises Klick, der Keiler verschwand augenblicklich. Verdammt.
Ich entstach den Repetierer und zündetet mir eine Zigarette an. Meine Hände zitterten. Ich nahm noch einen Schluck von dem Obstler, aber das Glücksgefühl von vorhin wollte sich nicht mehr einstellen.
So wartete ich, bis mir der Schlaf die Augen schloss. Plötzlich hörte ich ein Grunzen. Sogleich war ich hellwach, brachte den Repetierer in Stellung, der sich beinahe von selbst Richtung Kirrung bewegte, und stach ein.
Ich nahm das Tier vor mir ins Vesier. Zweifellos ein Wildschwein, aber männlich, oder weiblich das war nicht zu sehen. Verdammt, hat er nun eine Brunftrute oder nicht? Und wo ist sein Kurzwildbret? Noch einmal setzte ich das Glas an die Augen. Jetzt erkannte ich, es war mein Keiler, todsicher.
In diesem Augenblick blinkte das Display im Steiner Comander: "Null Uhr, 24.12.01
Ich setzte das Glas ab und griff wieder zu dem Repetierer. Dann hatte ich den Keiler voll im Absehen. Ich legte den Finger an den Abzugbügel. Der Keiler stand so ruhig wie eine Zielscheibe. Doch mein Finger blieb grade.
"Und wenn du auch das größte Schwein in der Gegend bist", ging es mir durch den Kopf, "heute lasse ich dich leben."
Es war Heiligabend.

Vokabular:
Heiliger Hubertus: Schutzpatron der Jäger
Steiner Comander: Fernglas mit Display und eingebautem Kompass
Stecher: Ein zweiter Hahn um den Druckpunkt der Büchse herab zu setzen
Kirrung: Lockfütterung
Repetierer: Büchse
Kurzwildbret: Hoden
Schrecken: Lautäußerung des Rehwildes bei Gefahr
Spiegel: Weiße Färbung über dem Kurzwildbret
Absehen: Fadenkreuz

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