Peter Gallus
 

Willkommen bei Peter Gallus

Zum sechzigsten Geburtstag
Liebe Sabine,
Meinen herzlichen Glückwunsch zu Deinem sechzigsten Geburtstag. Alles Gute für die nächsten Jahre, Gesundheit und Frohsinn und so weiter!
Leider kann ich an Deinem Geburtstag nicht anwesend sein, und das hat triftige Gründe. Lass Dir erklären. Also, es hat etwas mit Haustieren zu tun.
Vor einigen Tagen machte ich eine Entdeckung. Als ich die restlichen Kartoffeln vom Mittagstisch zu Fridolins Napf – Fridolin ist ein Prachtexemplar von einem Jagdhund, wahrscheinlich der Beste von allen – in den Zwinger bringen wollte, sah ich ein seltsames Wesen an seinem Fressnapf.
Das Tier war so um die zwanzig Zentimeter lang und hatte einen Schwanz von nochmals derselben Länge. Die Oberseite war bräunlich bis grau, die Unterseite, soweit ich erkennen konnte, vorwiegend weißgrau. Das Tierchen verließ fluchtartig den Napf und verschwand in einem Loch unter der Garage.
Hatte ich Gäste? Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Durch vergleiche mit dem Bilderlexikon konnte ich das Tier identifizieren. Es handelte sich hier zweifelsohne um ein Nagetier, welches der Lateiner als Rattus norwegicus bezeichnet, und das zur Familie der Mäuse gehört. Das musste ich natürlich sofort meinem Weib berichten.
„Maria Elisabeth“, sagte ich zu meiner mich liebenden Gemahlsgattin, „stell Dir vor, was ich entdeckt habe? Unter unserer Garage hausen Nagetiere vom Typ Rattus norwegicus.“
„Blödsinn!“, sagte Maria Elisabeth in ihrer verbindlichen Art und sah mich über ihre Brillengläser mit diesem unangenehmen Blick an, den sie immer aufsetzt, wenn ich etwas falsch gemacht habe. „Wir haben früher Ratten gesagt und dann hat Papa sie vergiftet. Mit Celiopaste.“
„Ratten!“, erwiderte ich angeekelt. „Solch ordinäre Tiere unter unserer Garage?“
„Klar sind sie unter der Garage. Hättest du damals einen ordentlichen Architekten beauftragt anstatt dieses Pfeifenheinis von Müller oder Maier oder wie der hieß, so hätten wir ein solides Fundament und keine Hohlräume, wo sich die Biester verkriechen können.“
„Meyer“, sagte ich.
„Was?“
„Er hieß Meyer, mit ey.“
„Mir auch egal. Besorge Fallen und sorge, dass die Viecher wegkommen! Fallen gibt’s im Baumarkt. Mach schon, du Bahnhofspenner!“
Ob sie mich damit gemeint hat? Dass diese Frau auch immer so einen imperativen Ton haben muss.
„Jawohl, Maria“, antwortete ich knapp; wenn ich ärgerlich bin, lasse ich das Elisabeth nämlich weg.
Nun denn, ich bin ein Mann der Tat, und so führte mich mein Weg zwei Tage später am frühen Morgen um elf unverzüglich zum Baumarkt in der Hubertusstraße.
Dort fand ich nach kurzer Orientierung das Gesuchte: Fallen zum Lebend- und Totfang.
Ich entschied mich für die Lebendfalle, denn ich bin nicht gewalttätig. An der Kasse sah mir die Dame lächelnd entgegen:   
„Oh, sie haben Haustiere?“
„Freilich, Rattus norwegicus aus der Familie der Mäuse“, klärte ich sie auf, als ich das Geld hinlegte.
Zu Hause angekommen gab es einen unsanften Empfang, als meine Gemahlgattin die Fallen sah: „Lebendfallen? Willst du züchten?“
„Nein, aber ich meine, wenn man sie lebend fängt, kann man immer noch überlegen. Ich meine, die Totschlagfalle hat so etwas Finales.“
„Finales, Finales. Jedenfalls, ich mach die Biester nicht kaputt. Also hol eine andere! Sag einfach, du möchtest Rattenfallen kaufen! Die geben dir schon das Richtige. Oder soll ich dir einen Zettel schreiben?“
„Nicht nötig, Maria“, antwortete ich, wieder unter Auslassung des Namens Elisabeth. Ich kann ein ganz schöner Sauhund sein.   
Am anderen Tag begab ich mich wieder zum Baumarkt und tauschte die Falle um. Allerdings kamen mir Zweifel, als ich die Totschlagfallen untersuchte. Würden diese Dinger stark genug sein, die armen Tiere ohne vermeidbare Schmerzen zu töten, wie es das Tierschutzgesetz vorschreibt?
Im Tierschutzgesetz hatte ich nachgelesen, dass die Totschlagfalle mit einer Kraft von Körpergewicht mal Pi mal Quadratwurzel der Körperlänge zuschlagen muss. Das waren immerhin siebzehn Kilo.
Würden die Fallen diese Anforderung erfüllen?
Kurz entschlossen probierte ich eine der Totschlagfallen aus. Das Ergebnis überzeugte mich. An der Kasse erhielt ich dann einen hübschen Verband für meinen Daumen und eine Packung Schmerztabletten. Man geleitete mich zum Wagen und legte mir die Fallen in den Kofferraum. Ein Mann namens Karl fragte noch, ob er mich fahren solle, ich sei so blass.   
So kam ich mit weichen Knien zu Hause an.
„Du kannst aber auch gar nichts, Spasti“, kommentierte meine Gemahlsgattin meinen Selbstversuch. „Jetzt stell sie wenigsten vernünftig auf!“
Ich probierte daraufhin verschiedene Köder, angebratenen Speck, Nutella, Käse und den Rest von der Kirschtorte und stellte die Fallen neben Fridolins Napf.
Gegen zwei Uhr nachts ließ meine Gemahlgattin den besten Jagdhund von allen, zum Wasserschöpfen an seinen Napf. Um zwei Uhr fünfzehn kam die Polizei mit einer Anzeige wegen ruhestörenden Lärms und unerträglichen Gejaules.
„Du bist aber auch selten dämlich“, bekam ich am anderen Morgen zu hören. „Nicht mal eine Falle aufstellen kannst du. Dem armen Hund hat es sicherlich herzlich wehgetan. Du Tierquäler!“
Ich will an dieser Stelle nicht sagen, wer mir so grob begegnet ist. Jedenfalls verließ ich mit den wohlgesetzten Worten: „Du kannst mich, eh, am Abend besuchen“, die eheliche Wohnung.
Als ich Stunden später zurückkam, lag eine Beschwerde der Nachbarn vor. Es seien unflätige Ausdrücke aus unserem Reihenhaus herausgedrungen. Dem Brief hatte man ein Tonband als Beweismittel beigefügt.
Ich legte das Tape in den Rekorder und stellte auf mittellaut. Aus der Anlage dröhnte die Stimme meiner Gemahlsgattin mit dem Schalldruck eines Presslufthammers. Das Arsenal der Vokabeln hat mich tief beeindruckt.
Als ich vom Ohrenarzt zurückkam, beschloss ich dann, den Hausfrieden wieder herzustellen und die Haustiere unter der Garage gnadenlos auszurotten.
Mein Weg führte mich erneut zum Baumarkt in der Hubertusstraße.
„Ich hätte gern Rattengift.“
Der Mann an der Theke – es war jener Karl – lächelte verständnisvoll und fragte scherzhaft: „Rattengift? Für wie viele Personen?“
In diesem Augenblick hatte ich die erleuchtende Idee. Ich sah mich vorsichtig um: „Für eine, wenn´s recht ist“, sagte ich leise.
Ja, so war die Geschichte mit den Haustieren. Jetzt schaue ich aus dem Fenster auf den Hof, wo wieder diese Nager herumlaufen und bin dankbar, dass mich die einbruchsicheren Gitter vor jeder Unbill schützen.

Also bis dann,                                    Peter Gallus

P. S. Übrigens entschuldige, dass ich diese altmodische Schrift benutze, aber im Strafvollzug haben sie nur diese alte Schreibmaschine.

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