Peter Gallus
 

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Ich verspreche Besserung, eine Kindheit in Westfalen

Leseprobe

Von Eisenbahnern und Autofahrern

Denk ich an meinen Vater, so denke ich an Kreuzworträtsel, an die Teufelsteine*, an Bibelerzählungen, an die Bundesbahn, an den Brook und an die 250iger Isetta die er niemals besaß. Dieser 250er wurde zu einer Marotte meines Vaters, die so typisch ist, dass ich sie zeitlebens in lebhafter Erinnerung behalte.
Mein Vater, noch in der Kaiserzeit geboren, machte, nach einer Kindheit in ärmlichen Verhältnissen - verbracht unter dem strengen Regiment einer Stiefmutter, deren Sparsamkeit vor nichts zurückschreckte - und nach den ersten Dienstverhältnissen, die ihm außer einem halbwegs vollen Magen und einwenig Kleidung ebenso wenig einbrachten, eine für die damaligen Verhältnisse erstaunliche Karriere. Seine monetäre Situation war unbefriedigend und er suchte nach einem Ausweg aus der Armut.
Mit halb leeren Magen, den Blick immer auf das Bisschen mehr gerichtet, erkannte er mit der Wachsamkeit des Hungrigen, durch die Wirren der Depression der 20er Jahre hindurch, seine Chance in den Rekrutierungen der Eisenbahn, die mit ihrer flächendeckenden Infrastruktur und einer modernen Personalplanung ein attraktiver Arbeitgeber war; und er überlegte nicht lange als ihm ein Job in der Rotte, dem eisenbahnzugehörigen Arbeitstrupp angeboten wurde.
Über die Rotte, eingesetzt um Trassen zu erstellen und über die Eisenbahnfachschule die er alsbald besuchte, stieg er auf wie ein Komet und hatte bereits mit 25Jahren seine Anstellung als Beamter.
Einmal heraus aus der muffigen Atmosphäre eines noch vom Kaiserreich geprägten Dorfes machte er schnell Karriere, kam in leitende Stellung und wurde Personalrat, was eine besondere Ehre war.
Die Bahn wurde sein Leben; sein Transportmittel auf dessen Zuverlässigkeit er schwor und dem er treu bleiben wollte. Und wenn die Bahn einmal nicht zur Stelle war, so blieb noch das Motorrad für das er einen Führerschein Klasse eins abgelegt hatte.
Als ich als jüngster von fünf Geschwistern meinen Vater kennenlernte, war er so um die fünfzig und das Auto war bereits in unser aller Bewusstsein gerückt. Zu diesem Transportmittel hatte er ein zwiespältiges Verhältnis. Er sah wohl die Vorteile, scheute sich jedoch den Autoführerschein zu erwerben. Um dies zu kaschieren, hatte er vor sich und der Familie eine ganze Reihe von Entschuldigungen. Die Eisenbahn hatte ihn nun 30 Jahre lang ernährt und nie im Stich gelassen und das er in den ersten Nachkriegsjahren die weite Strecke zu seinem Dorstener Stellwerk tagtäglich mit dem Fahrrad fahren musste, war ja nicht die Schuld der Eisenbahn.
Als die Nachkriegsjahre vorbei waren, fuhr die Eisenbahn ja schließlich wieder bis nach Reken und in jedem Jahr gab es zwei Freifahrtscheine für die ganze Familie, sodass auch die Fahrt in den Urlaub gesichert war. Außerdem hatte er einen Führerschein der Klasse eins, durfte Krafträder und PKW!! Bis 250cm² führen, Isetta und ähnlich kranke Vehikel und das erschien ihm ausreichend. Denn so einen 250er würde er eines Tages kaufen und diese Idee erschien im wie der Triumph des modernen Menschen über die zu Fuß gehenden Apostel. Allerdings blieb es bei dieser Idee.
Stets abwägend zwischen seinen persönlichen Wünschen und wirtschaftlichen, oder auch familiären Erwägungen ordnete er sich stets den „Notwendigkeiten“ des Daseins oder den Wünschen seiner Familie unter, und so schmückte eines Tages ein brandneuer Opel Rekord, für die stattliche Summe von 8000,- DM erworben, unsere Hofeinfahrt, und das Marineblau des Wagens passte trefflich zu der roten Asche der Auffahrt.
Natürlich wollte auch mein Vater, nun angestachelt von den Fahrkünsten seiner Söhne Hans und Klemens, die bereits über eine amtliche Fahrerlaubnis verfügten, den „richtigen“ Führerschein erwerben, aber zu einem Fahrlehrer traute er sich nicht, ohne einige Vorkenntnisse erworben zu haben.
Meine Brüder Hans und Klemens, stolz darauf ihre gerade erworbenen Fähigkeiten weitergeben zu können erboten sich, ihn fit zu machen.
Das Angebot, ihm Fahrunterricht zu erteilen nahm er gerne an. Für die Fahrstunden fuhren wir – denn ich durfte diese spannende Schulung miterleben, und Hans meinte es könne mir nicht schaden - dann mit Papa in den Brook, einer nur langsam der Kultur nähergebrachten Moorlandschaft, unweit von Reken, die von einigen, wenigen, schmalen Wirtschaftswegen durchzogen ist, welche in der damaligen Zeit nur selten einen Schutzmann sahen.
In dieser Diaspora staatlicher Aufsicht unternahm mein Vater unter Anleitung seines zweitältesten Sohnes, der wie kein anderer technische Kompetenz ausstrahlte, seine Fahrversuche. Nur wenige Hundert Meter hinter Jeusfeld, der letzten Hofstelle vor der Einöde, fuhr Hans rechts ran, die Sitze wurden gewechselt, der Fahrunterricht begann. Die Theorie beschränkte sich auf die Kupplung, die Bremse, das Gaspedal – von dem mein Vater nur spärlichen Gebrauch machen sollte – und die Lenkradschaltung mit drei Gängen.
Einige Trockenübungen sollten das soeben Gelernte festigen „Kuppeln, erster Gang, zweiter Gang, dritter Gang, Leerlaufstellung, und dann den Ganghebel einmal hin und her bewegen“, kommandierte Hans, „wenn man mit dem Ganghebel schlackern kann, dann ist kein Gang mehr drin“.
Mein Vater absolvierte die Übungen mit Bravour aber sobald es ernst wurde, der Gang eingelegt war, er die Kupplung zunächst sehr langsam, dann mit einem Ruck kommen ließ, worauf sich der Opel bockend wie ein Rodeobulle in Bewegung setzte, war es mit seiner Gelassenheit vorbei. Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn, während der Wagen mit hustendem Motor bedenklich hin und her schlenkerte.
Der Wagen kam auf Touren, die Tachonadel zeigte 50km/h an und Vater umkrampfte das Lenkrad, welches unter seinen Händen zitterte, als habe er Angst es könne wegfliegen.
Seinen Blick gebannt auf die Fahrbahn gerichtet, sodass die dunklen Augen unter den buschigen Augenbrauen riesengroß wirkten, schien er nach wenigen Metern vergessen zu haben, wo Kupplung und Bremse saßen, und es sah aus, als habe er Angst, beim Tritt auf die Bremse, das Gleichgewicht zu verlieren.
Nach wenigen Hundert Metern hatte Hans ein Einsehen, stoppte das Gefährt, das wohl nur rein zufällig auf der Fahrbahn geblieben war mit der Handbremse.
Ich war beschämt über diese Niederlage meines Vaters, der doch die tollsten Geschichten erzählen konnte und jedes Kreuzworträtsel zu lösen wusste. Hans bemerkte tröstend, es sei halt das Schicksal aller Intelligenzbestien nicht Auto fahren zu können.
Es blieb nicht bei dem einem Versuch, aber die Ergebnisse wurden nicht besser. Mal stoppte Hans der Wagen im letzten Augenblick vor einem der vielen Gräben, mal war der Motor abgesoffen. Es schien zwecklos.
Nach einigen Wochen, in denen Papa immer demotivierter an den „Fahrunterricht“ heranging, sprach er nicht mehr vom Führerschein.
Der Führerschein war abgehakt aber der 250er blieb sein Traum, den zu verwirklichten er sicherlich nie ernsthaft erwogen hat, zum einen durch die Fahrergebnisse entmutigt, zum anderen auch, weil er mit seinen 100kg zu einem solchen Wagen gepasst hätte wie ein Elefant zum Rasenmäher.
Aber ein Stachel blieb und wenn er schlecht drauf war, so lenkte er das Gespräch bzw. seinen Monolog auf dieses Wunderwerk der Technik, das man mit einem Motorradführerschein fahren konnte, und nörgelte über sein Schicksal der Immobilität. Wir Kinder verdrehten die Augen, wenn das Thema kam.
Ich lernte den alten, unbeholfenen Herrn mit dem wegfliegenden Steuerrad erst verstehen, als ich mit 48 Jahren begann Klavierspielen zu spielen und die Noten beim Vorspielen vor meinen Augen verschwammen.

*Hünengrab in Westfalen