Peter Gallus
 

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Peter Gallus erzählt die Geschichte vom

Ritter mit dem Eisernen Halsband

Leseprobe ab Seite 502

Vom Hohen Bühl im Pfälzer Wald, durch eine Trasse, urwüchsig wild von der Schneeschmelze geschlagen, schoss der Altbach von Kaskaden geschäumt ins Tal; zunächst ungelenk wie ein Pubertierender, dann allmählich breiter und ruhiger, gurgelte er durch den Viadukt in die Stadt, schoss Ruten weiter an die Oberfläche, über Kiesel dahin, glänzend wie Schnee.
Die Stadt lag in Unruhe, nur Kinder und Greise schliefen. Posten patrouillierten über die Wehrgänge und hielten die Zündfeuer in Gang. In den Türmen hockten Stadtknechte, die Arkebuse in der Armbeuge, wartend auf Alarm. Ab und an hasteten Männer durch die Straßen, versteckten ihr Geld, organisierten Waffen und Proviant und verbreiteten die neuesten Gerüchte.
Berndt von Oer betrat die Synagoge mit klopfendem Herzen, und in dem Gefühl, ein Sakrileg zu begehen, so, als sei er gekommen, den Gott der Hebräer zu bestehlen.
Das Bethaus glich einer Kirche. Lichter beleuchteten eine Apsis, wo seltsame Rollen standen; offensichtlich ein Heiligtum. Nur der Schanktisch der Herberge mit dem daraufstehenden Weinfass störte das Bild.
Die Hebräer schliefen auf einfachen Pennklamotten, niemand wachte. Sosehr Berndt seine Augen auch anstrengte, Rachel war nicht auszumachen. Berndt überlegte, was er tun könnte und hatte sich bereits entschlossen, zu gehen, als sich ihre Gestalt aus dem Dunkel schälte.
„Gott sei Dank", flüsterte sie, „ich hatte solche Angst um dich."
„Ich bin froh, dass es dir gut geht", bekannte er genauso leise, nahm ihre Hände und drückte sie an seine Brust. „Lass uns hinausgehen", antwortete sie und schob ihn sanft zur Türe.
„Es wurde erzählst, du seist auf Ebernburg gewesen und habest dem Ritter die Achterklärung gebracht."
„Es war nur ein Brief. Nichts Besonderes. Doch ich habe Japs Mörder ausgequetscht. Als er alles gesagt hatte, habe ich ihn in die Zisterne gesteckt. Sickingen wird angreifen, bevor der Tag zu Ende ist. Es wundert mich nur, dass er keinen Fehdebrief geschickt hat."
„Aber er hat einen geschickt", protestierte Rachel, „er hat, und ich habe ihn gelesen."
Sie erzählte, was sie am Nachmittag erlebt hatte, und wie die Kanonenkugel eingeschlagen und in der Gasse das Chaos ausgebrochen war.
„Das ist ein dicker Hund", sagte Berndt, „der Bürgermeister hat so getan, als gäbe es keine Absage."
„Aber es ist jetzt nicht wichtig", antwortete Rachel, „sag´ mir lieber, wie ist es dir ergangen ist?"
Ihre Hand stahl sich in seine und so gingen sie Hand in Hand, als sei dies die natürlichste Sache der Welt. Der Qualm über der Stadt hatte sich verzogen und am Himmel glitzerten Sterne im Nachtblau.
Berndt erzählte von der Ebernburg, der Begegnung mit Harmen und von der Hochzeit zu Rheine und von seinem Duell und von dem verrückten Dorfversetzer, dessen Akte in der Kanzlei wartete, und begann wieder mit der Hochzeit zu Rheine. Er hatte plötzlich soviel zu erzählen. Rachel lachte und unterdrückte das Lachen nur, wenn jemand an ihnen vorbei huschte.
Sie standen in der Wollgasse vor dem Kaufhaus Dürkheims, als er den Arm um sie legte.
„Es ist dunkel", entschuldigte er sich, „da sieht uns keiner."
Er spürte ihre Rechte, die sich schüchtern um seine Taille legte.
„Wir könnten hineingehen", bemerkte er ermutigt,„ich habe den Schlüssel."
„Ich bin Jüdin", entgegnete sie, „es ist verboten!"
"Aber ich liebe dich, ob du Jüdin bist oder nicht", sagte heftig und bereute sogleich seine Unbeherrschtheit.
„Wenn es geschieht, so werden sie uns teeren und federn", hauchte Rachel.
„Niemand wird es erfahren", behauptete er und bekräftigte, „außerdem geschieht ja auch nichts."
„Versprichst du es?" „Ich gebe dir mein Wort."
Rachel schwieg einen Augenblick. „Komisch", sagte sie dann, „niemandem würde ich ein solches Wort abnehmen. Nicht einmal mir selbst, doch dir glaube ich."
Der Schlüssel zu Dürkheims Haus zitterte in Berndts Hand und klapperte, als er das Portal aufschloss. Zu allem Überfluss quietschten die Angeln, und der Schlegel des Türklopfers klackte. Er musste sich zwingen, ruhig zu atmen. Im Laden standen noch Säcke mit Korn. Es roch nach Jute und getrockneten Blumen, nach Gerbsäure und ungewaschener Schafswolle.
Rachels Lippen schmeckten frisch. Ihr Nacken fühlte sich zerbrechlich an, die Hüften rund. Sie schien ganz aus Lippen, Nacken und Hüften zu bestehen, und ihre Haut war fest und trug einem Hauch von Schweiß.
Das Blut pulsierte in Berndts Leisten und zwischen seinen Schenkeln ballten sich die Quellen seiner Kraft. Wie von selbst fand seine Rechte den Weg unter ihr Blouson zu festen, warmen Brüsten, deren Warzen aufgerichtet waren, als warteten sie auf den Mund des Säuglings. Berndt liebkoste sie. Seine Erregung wurde zu lustvoller Enge und er stöhnte leise.
„Gilt dein Wort noch?", hörte er Rachel atmen.
„Es gilt", keuchte er, die Lippen an ihrer Halsgrube,„immer und ewig."
„Schau mich an", forderte sie. Er hob den Kopf. „Du bist wunderschön", antwortete er, während er den Blick in die dunklen Augen versenkte, die sein Gesicht so zärtlich erforschten.
„Du", flüsterte Rachel.
„Ja?"
„Deine Augen leuchten. Sie sind blau und riesengroß", verriet sie, „du bist Gottes Geschenk an die Frauen."