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Tod vor Toulon

Leseprobe ab Seite 124

Günter und Eva erschienen an diesem Morgen nicht zur Wache. Helmut dachte nach, ob er sie wecken sollte, doch dann entschied er egoistisch, den Sonnenaufgang allein zu genießen. Eine Stunde später legten Helmut und Kathy im Hafen von Ajaccio an.
Es war früher Morgen und es wäre nach der langen Wache Zeit für eine Mütze voll Schlaf gewesen, doch Helmut machte einen Spaziergang durch die Stadt, denn er liebte die Zeit, wenn der Tag begann, und das Morgenrot erschien ihm wie ein Versprechen.
Über dem Hafen, der allmählich erwachte, lag der herbe Duft von Seetang und Macchia. An dem kleinen Fischerhafen, neben der Reede, hängten Fischer ihre Netze zum Trocknen über Holzgestelle oder zogen ihre Boote an Land.
Von der Kaserne der Fremdenlegionäre, die dem Hafen gegenüberlag, schallten undeutlich Kommandos herüber und von Weitem tutete ein von See kommendes Containerschiff.
Helmut ging die weitläufige Promenade entlang und genoss den Anblick über den Golf, im Licht der aufgehenden Sonne. Im Westen lagen die Klippen von Sanguinaires noch unter dem diesigen Horizont, als wollten sie sich verstecken.
Unten, am Strand holten Fischer ein Netz ein, welches sie am Vorabend im flachen Wasser ausgebracht haben mochten. Sie trugen hohe Schaftstiefel und kleine Wellen spielten um ihre Hüften, während sie sich gegenseitig mit einem Ruf anfeuerten, der in Helmuts Ohren wie ein „Hauruck" klang.
Die ersten Meter des Netzes waren nun an Land. Fische zappelten in den feinen Maschen, fielen auf den Strand und kämpften um ihr Leben, bis der Sand ihnen die Kiemen schloss.
Draußen im Golf wartete der große Fisch unruhig auf das Boot, dem er bis hierher gefolgt war. Er blieb in sicherer Entfernung, denn in den Hafen hinein traute er sich nicht. Das Wasser des Hafens stank nach den Exkrementen dieser Wesen, nach Öl und Urin. Außerdem war es gefährlich den Wesen zu nahe zu kommen, denn sie trugen Schleudern bei sich, und wenn man nicht achtgab, schossen plötzlich Pfeile durch das Wasser. Die sirrenden Dinger drangen durch die Haut, bis tief in das Fleisch und verursachten einen beißenden Schmerz der Tage lang anhielt. Die abgebrochene Harpune in seiner Schwanzflosse zeugte von einer solchen Begegnung.
Der große Fisch war hungrig, denn er hatte seit Tagen keine Beute gemacht.
Unaufhörlich sucht er den Meeresboden ab. Nach einiger Zeit entdeckte er einen Rochen, der sich, den Feind erkennend, blitzschnell im Sand des Meeresbodens eingrub.
Der große Fisch bewegte sich zielsicher auf die Stelle zu und ortete seine Beute durch Sinnesorgane, die auf der Welt einmalig sind. Selbst wenn seine Beute sich tot stellte, würde er doch das pulsierende Herz ausmachen.
Sein Kopf grub sich in den Sand, und sein Seitenlinienorgan nahm die Bewegungen des Rochens wahr, der sich zappelnd frei grub, und das erregte den Jagdinstinkt des großen Fisches, dass es ihn schmerzte. Der Rochen schwebte am Meeresboden davon und der große Fisch wusste, er musste seine Beute packen, bevor sie sich erneut eingrub.
Oben an der Pier ging Helmut entlang zur Innenstadt, vorbei an der Kaserne, vorbei an den Hafenkneipen wo die Besitzer die ersten Stühle nach draußen stellten, die Terrassen fegten und dem Fremden ihr „Bon Jour" zuriefen oder, „der Himmel wird blau über Ajaccio, ein schöner Tag. Kommen sie zum Mittag zu uns, Monsieur, und bringen sie ihre Freunde mit. Es gibt eine Soup de Poisson, superbe."
Auch am Fischmarkt in der Platanenallee, neben der Musee Maréchal Foch erwachte das geschäftige Leben der Stadt.
Das Gitter vor dem Eingang war noch nass vom Tau der Nacht, als muskulöse Arme es zur Seite schoben.
In das Klappern des Gitters mischte sich das Tuckern der Fischerboote, die an der Pier angelegt wurden.
Die Marmorauslagen des Marktes füllten sich mit Knurrhahn, Sägefischen, Hummer und Langusten, aber es roch nicht schlecht, wie Helmut es sonst von Fischmärkten kannte. Es war ein guter Geruch, vital und frisch wie die Fischer, die mit aufgekrempelten Ärmeln Kisten mit Fisch hereintrugen.
Helmut schaute ihnen eine Weile zu und genoss dieses Bild urwüchsigen Lebens, dann ging er weiter, hinauf in die Innenstadt, dass Rufen der Marktschreier noch im Ohr.
In einer Boulangerie kaufte er ein Baguette.
„Une Baguette, quie", sagte der Bäcker und griff hinter sich nach dem Stangenbrot. Helmut kramte in seinen Taschen nach Geld, hatte aber kein Portemonnaie dabei.
„Excuse moi", entschuldigte er sich. „Ich habe mein Geld vergessen."
„Ne ce pas une Malheur", antwortete der Bäcker und reichte ihm das Brot über die Ladentheke, „bezahlen sie beim nächsten Mal oder im nächsten Jahr."
„Ich weiß nicht, ob ich im nächsten Jahr wieder hierher komme?"
„Ca va, ca va, bestimmt kommen sie im nächsten Jahr. Sie müssen doch das Baguette bezahlen. Bestimmt kommen Sie. Auf Wiedersehen Monsieur."
Helmut nahm das Baguette, bedankte sich und war wieder auf der Straße, eine Melodie im Ohr: „Frankreich, Frankreich."
Als er einen Blick zum Hafen warf, sah er dort die korsische Eisenbahn, die mit rauchendem Schlot auf den schmalen Gleisen stand und auf die ersten Touristen wartete, um sie hinauf ins Gebirge zu bringen, nach Corte, nach Calvi oder Bastia.
Hier möchte ich leben, ging es Helmut durch den Kopf, nur hier in Ajaccio am schönsten Golf der Welt.
In diesen Augenblick schlug der große Fisch draußen im Golf seine messerscharfen Zähne in den Rücken seiner Beute und der Rochen war für einen Augenblick gelähmt durch den tonnenschweren Biss seines Jägers. Der verschlang sein nur müde zappelndes Opfer und nach wenigen Sekunden erinnerte nichts daran, dass es den Rochen gegeben hatte.
Der große Fisch wendete sich nun wieder der Hafeneinfahrt zu und wartete.
Er erinnerte sich, wie die seltsamen Wesen mit ihrer orangefarbenen Haut zu ihm hinunter gekommen waren, Sie hatten lange Stöcke dabei auf denen sie Fische spießten und ihm als Köder hinhielten. Aber das war in einer anderen Zeit, in einem anderen Meer gewesen, einen ganzen Sommer lang. Dann waren immer weniger Wesen zu ihm gekommen und sein Hunger hatte zugenommen. Eines Tages hatte er eines von diesen Wesen getötet und angefressen. Das Blut war warm gewesen und er hatte diesen Geschmack noch im Maul. 
Nach diesem Ereignis waren keine orangefarbenen Wesen mehr zu ihm hinunter gekommen und der große Fisch hatte das leergefischte Meer verlassen. Er würde woanders Beute machen, vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber ganz sicher, irgendwann.
Helmut ging allmählich zum Boot zurück. Er spürte jetzt die Müdigkeit, die sich in seinem Körper ausbreitete, und freute sich auf eine Mütze voll Schlaf. Als er am Boot ankam, sah er Eva allein im Cockpit sitzen und mit John Silver spielen.
Jetzt oder nie, dachte Helmut. Jetzt müsste sie ihm sagen, was es mit diesen Psychopharmaka auf sich hatte.
„Eva", begann er, „ich habe mit dir zu reden.


Tod vor Toulon
ISBN 978-3-9810927-9-0

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